jobst oetzmann über seinen tatort:tausend tode




das internet, für viele noch ein buch mit sieben siegeln, steht als das medium im zentrum dieses tatorts.

ein unheimlicher mann durchkämmt suizid-foren nach jungen mädchen und sucht ihr vertrauen, um sie zu einem gemeinsamen selbstmord zu überreden. aber anstatt mit ihnen in den fluten des bodensees zu ertrinken, greift er die erschöpften frauen auf, sperrt sie in ein karges verlies und versucht sie dazu zu bringen, sich vor laufender kamera das leben zu nehmen. diese grauenhaften bilder stellt er dann ins netz, wo er sich mit perversen freunden daran ergötzt.



dies klingt wie ein typisches hirngespinst eines autors, wie ein abziehbild des horrors, das uns als werbeumfeldgestaltung tagtäglich in die wohnzimer flimmert.

doch was gibt es nicht alles im netz: geradezu simpel zugänglich sind alle arten von gängigen und härteren sexuellen praktiken. schwieriger wird es bei strafrechtlich relevantem, wie z.B. kinderpornographie. um hierbei an bilder zu kommen gibt es u.a. "clubs". um mitgied in einem solchen "club" zu werden, in dem vergewaltigungen an minderjährigen, missbrauch von kleinkindern und mehr angeboten werden, muss man sich selber kriminalisieren.



die frage taucht auf, ob damit das ganze netz als kriminell zu verdammen ist, oder ob es als der letzte ort unbegrenzter freiheit zu werten ist, quasi als eine art idealer demokratie. richtige wie unsinnige rufe nach regulierung werden laut.

unsinnig sind sie dann, wenn sie z.B. die legetimität der suizid-foren in frage stellen, in denen sich menschen wie auch immer über den tod austauschen. die brisanz dieser foren steckt nicht im geschriebenen wort, sondern in den herzen der menschen, die dort zusammentreffen. aufgerüttelt durch den osloer doppelselbstmord (der spiegel berichtete) richtete sich die regulierungswut des staates gegen diese foren, und nicht auf die umstände und ursachen der suizidwünsche.



in dieser verkehrung offenbart sich eine zynische seite des rechtsstaats. die selbst-beruhigung einer den tod fürchtenden gesellschaft, die gerne alles an den rand drängt, was sie aus ihrem wattierten konsum-konkon zwingt, gibt sich hier ein gesicht.

bei alles grausamkeit, die in diesem tatort gezeigt wird, darf man aber vor allem nicht vergessen, dass es die grausamkeit eines einzelnen ist, dem das netz durch die ermöglichung der anonymität zu einer perfekten maske verhilft. die geschichte richtet sich keinesfalls gegen die billigen rechte der suizidforen.

es bleibt der meinungsbildung eines jeden einzellnen überlassen, inwieweit er bereit ist - wie in der erfahrbaren welt auch - zu hinterfragen, wes geistes kind er sich gegenübersieht und worauf er sich einlassen will. das plädoyer dieses films richtet sich an die geistige unabhängigkeit eines jeden einzelnen, zu fragen und zu hinterfragen; eben an seine mündigkeit.


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